Andreas Schmidt, geb. 1963 in Gelnhausen,

hat die Firma, deren Vorgeschichte über die Orgelbauerfamilie Ratzmann unmittelbar bis ins Jahr 1792 zurückreicht (siehe "Die Orgelbaufamilie Ratzmann"), 1994 von seinem Vater, dem OBM Bernhard Schmidt, übernommen. Seine Ausbildung vor der Meisterprüfung setzt sich aus der Lehre im elterlichen Betrieb und weiteren sechs Wanderjahren zusammen. Bei Hubert Sandtner in Dillingen wirkte er 1989 an der beispielhaften Restaurierung der Nepomuk-Holzhey-Orgel von 1785 in Weißenau mit, bei Gerald Woehl in Marburg war es die Mitarbeit am innovativen Neubau der symphonischen Orgel in der St. Petrikirche Cuxhafen 1992.

Besonders einprägsame Projekte blieben unvergessen und formten seine Ziele und Firmenphilosophie. Entsprechend hat er sich geeignete Mitarbeiter gesucht, die seitdem blieben und die ihre Einflüsse aus renommierten Firmen mit einbrachten. Neben dem festen Team stehen zuverlässige Partner aus den Bereichen Musik, Kunst, Kunstgeschichte und Design, sowie eigenberuflich tätige Handwerker als Bildhauer, Maler, Vergolder, Restauratoren, Architekten, Feinmechaniker usw. zur Verfügung.
Das Aufgabengebiet erstreckt sich von der kreativen Konzeptfindung eines neuen Projektes über die Wahrung historischen Bestandes bis hin zur sorgfältigen Betreuung zahlreicher Instrumente in heimischer und anderen Regionen. Das Tätigkeitsfeld umfasst Bereiche der Planung, Forschung, Entwicklung, Konstruktion, Ausführung in Technik und Klang sowie der abschließenden Dokumentation. Hinter jedem dieser Bereiche stehen weitere zahlreich verzweigte Einzelanforderungen, die letztendlich alle auf das eine Ziel ausgerichtet sind: ein klangschönes Instrument von hoher Qualität zu erbauen, zu erhalten oder wiederherzustellen.  
Merkmal eines jeden der neu geschaffenen Instrumente ist die konsequent durchgehaltene ästhetische Linie im Detail und im Ganzen, die nirgends fremden Stil aufweist. In unverkennbarem, firmeneigenem Charakter werden alle Einzelteile jeweils projektbezogen entworfen, konstruiert und zum Großteil auch in der Werkstatt selbst hergestellt. Die Besonderheiten bestehen aus arbeitsaufwändigen Einzelheiten, so bspw. die extrem präzise Eisentraktur, die Spieltischbauweise, auf Ton geschnittenes Pfeifenwerk und Weiteres.
Steckenpferd sind Restaurierungen an Ratzmann-Orgeln, von denen in den Jahren 1997 bis 2006 6 Instrumente in den kunst- und musik-historisch belegten Urzustand zurückgeführt wurden. Neue und restaurierte Projekte geben sicht- und hörbares Zeugnis. Musiker loben die angenehme Spielbarkeit, die charaktervollen Einzelstimmen, das vielfältige Klangspektrum und die Vorzüge der Windeigenschaften.

Bernhard Schmidt, der Sohn von Richard Schmidt, wurde am
31.05.1930 in Gelnhausen geboren und begann in den letzten
Kriegsmonaten eine Lehre beim Großvater, dem Mühlenbaumeister
Franz Haupt, wechselte dann aber im Herbst 1945 zum Vater in die Orgelbaulehre. Nach der Gesellenprüfung begann er in Frankfurt an
der Ingenieurschule ein Studium als Maschinenbauer, brach dieses
1950 ab und übernahm die Firma seines Vaters. 1954 legte er in
Frankfurt die Meisterprüfung ab.

Anfänglich wurden nur kleinere Aufträge bearbeitet.
Diese bestanden aus Neubauten kleinerer Orgeln und
Umbauten. Es folgten elektropneumatische Orgeln mit II
Manualen und über 20 Registern. Bis 1969 entstanden alle
Orgeln in der kleinen Werkstatt am Obermarkt 4, in der
bereits Richard Schmidt gebaut hatte; so auch 1968 die
große Orgel für die Marienkirche Gelnhausen (III/37) mit bereits mechanischer Spieltraktur und Schleifladen.
Wegen zunehmenden Platzmangels wurde 1969 eine
neue Werkstatthalle in Altenhasslau errichtet.

In der neuen Halle entstanden die meisten der insgesamt ca. 60 Orgelwerke, welche sich aus I-III manualigen, mechanischen Orgeln der unterschiedlichsten Größen zusammensetzten. So z.B. Krumbach II/15 mit neuem Gehäuse, oder Königshofen II/14 als Neubau mit Erhaltung des historischen Gehäuses. Eine der letzten Orgeln wurde für Seoul/Korea gebaut.
Seit 1976 sammelt und restauriert Bernhard Schmidt mechanische Kirchturmuhren. In seinem Privatmuseum sind inzwischen 35 Uhren von 1519-1996 zu besichtigen. Seine Erfahrungen auf diesem Gebiet hat er in den Büchern "Turmuhrenwerke" mit 215 Seiten, "Turmuhrenwerke II" mit 196 Seiten und "Orgeln mit Uhr in Deutschland und Österreich", mit zur Zeit 95 vorgestellten Instrumenten, veröffentlicht.


Franz Georg Ratzmann (*1771 Ernstroda-Cumbach, †05.05.1846 Ohrdruf) ließ sich 1792 als Orgelbauer in Ohrdruf/Thüringen nieder. Von zehn seiner Kinder überlebten sechs, drei davon erlernten bei ihm den Orgelbau. Auch Ernst Sauer, der Gründer von Sauer Orgelbau Frankfurt/Oder ließ sich bei Ratzmann ausbilden. Unter der Leitung von F.G.R. wurden hervorragende Instrumente gebaut, bekannt sind heute allerdings nur etwa 14, darunter auch dreimanualige (Fulda).

 

Sein Sohn Johann Heinrich Ludwig (*07.05.1804 Ohrdruf, †25.02.1875 Ohrdruf) übernahm 1846 mit seinem älteren Bruder Johann Friedrich Heinrich (*23.06.1800 Ohrdruf, †30.7.1881 Ohrdruf) zusammen die Werkstatt. Die Brüder bauten in hoher Qualität, vermutlich tauschten sie sich in dieser Zeit auch mit ihrem jüngeren Bruder Wilhelm August (*22.11.1812 Ohrdruf, †25.11.1880 Gelnhausen) aus, der sich bereits um 1839 wegen der Leitung des Baus einer großen Orgel (für die Bergkirche in Niedergründau) in Gelnhausen niedergelassen hatte. Nach 1876 scheint der Ratzmann-Orgelbau in Ohrdruf erloschen zu sein, während sich Wilhelm August bis zu diesem Zeitpunkt mit seinen Nachkommen einen florierenden Betrieb aufgebaut hatte.

 

 

Der Auftakt von Wilhelm August Ratzmanns Werkstatt in Gelnhausen begann 1846. Unter Verwendung seines eigenen Namens baute er ein Werk nach dem anderen und soll rund 75 Orgeln erschaffen bzw. an ihnen gearbeitet haben. Ab etwa 1870 bevorzugte er die mechanische Kegellade, baute aber auch traditionell die Schleiflade weiter. Seine Werke gelten als robust, souverän und fein. Drei seiner vier Kinder wurden Orgelbauer und erweiterten nacheinander ihre Kenntnisse in renommierten Betrieben, bevor sie jeweils wieder heimkehrten.

 

Unter Mithilfe seiner Söhne Friedrich Heinrich Ludwig (Jean) (*07.01.1842 Gelnhausen, †?), Wilhelm (*20.09.1846 Gelnhausen †11.11.1911 Gelnhausen) und Anton August (*24.09.1852 Gelnhausen, †30.6.1928 Gelnhausen) blühte der Betrieb in Gelnhausen bald voll auf und erlangte überregionale Bedeutung. 1860 bis 1870 verließ Jean, der älteste, die Gelnhäuser Werkstatt und ging eigene Wege. Seine Spuren führen nach Hanau, Steinau, Offenbach, Koblenz, Ohrdruf und in die Schweiz. In dieser Zeit hat er teils auf eigene Rechnung, gleichzeitig aber auch für den väterlichen Betrieb (nachweislich bis 1879) gearbeitet.

 

1880, nach dem Tod von Wilhelm August Ratzmann, wurde der Betrieb von Wilhelm und Anton August zunächst unter dem Namen "Gebrüder Ratzmann" fortgeführt.

 

Wilhelm Ratzmann

Anton August Ratzmann

 

Wilhelm, ein hart kalkulierender Geschäftsmann mit innovativen Ideen, hatte sich in seinen 6 Wanderjahren viel Wissen angeeignet, unter anderem auch über Neuheiten der Pneumatik. Anton August war eher ein der traditionellen Bauweise des Vaters verhafteter Handwerker und ein ausgezeichneter Intonateur. Unter Einfluss neuer angewendeter Techniken konnten die Brüder zukunftsweisende Instrumente erschaffen, die in ihrer klanglichen und technischen Qualität kaum zu überbieten waren. Die Auftragsbücher füllten sich und es sollten zwischen 1880 und 1921 weitere 48 Orgeln von Ratzmann entstehen. Nachdem Wilhelm 1911 verstorben war, versuchte seine Witwe, das Geschäft von ihrem Schwager Anton August loszureißen. Es gab Streitigkeiten. A.August gelang es nicht, das Geschäft in seinem Namen weiterzuführen. Die Witwe Ratzmann verkaufte das Geschäft 1921 an den engagierten Steinmeyer-Schüler Richard Schmidt (*18.04.1889 Aubstadt, †1951 Gelnhausen).

 

 

Die Ratzmann-Orgeln heute:

Trotzdem die Orgelbautradition Ratzmann insgesamt ca. 170 Werke hervorbrachte, existieren doch leider viele Instrumente nicht mehr. Etliche fielen dem Krieg zum Opfer, weitere sind in der Nachkriegszeit durch neue ersetzt worden, da sie wegen ihrer romantischen Dispositionen und ihrer Kegelladen klanglich und technisch nicht den damaligen Vorstellungen entsprachen. Aus selbigem Grund wurden auch oft Umgestaltungen der Disposition durchgeführt, welche oftmals darin bestanden, großfüßige Register durch unverhältnismäßig kleinfüßige zu ersetzen. Der Originalzustand einiger Orgeln ist aber nicht bekannt, da der Aktenbestand der Firma Ratzmann leider lückenhaft ist. Genaue Rückschlüsse lassen sich oft erst dann ziehen, wenn Pfarreien noch im Besitz von Originalunterlagen sind. Im Gegensatz zu der Hessischen Niederlassung, deren Instrumente recht gut erforscht und erfasst wurden (hier sei Nikolaus E.Pfarr erwähnt, der viel über Ratzmannorgeln zusammengetragen hat), ist über die Werke der Ohrdrufer Linie nicht viel gesammelt worden, was wohl mit der politischen Situation nach dem II. Weltkrieg zusammenhängt (Ohrdruf lag in der DDR). Da wir ständig auf der Suche nach alten Schriftstücken und Daten sind, würden wir uns über Ihre Mitarbeit freuen! Falls Sie Unterlagen oder Informationen über Ratzmannorgeln haben, informieren Sie uns doch bitte!

 

Karte Ratzmannorgeln

 

Stammbaum Ratzmann

Richard Schmidt wurde am 18.4.1889 in Aubstadt bei Königshofen im Grabfeld geboren und wuchs auf einem Bauernhof auf. Er schloss eine Lehre zum Schreiner ab und bewarb sich, angeregt durch den Aufbau einer neuen Orgel in einem Nachbardorf, bei der Firma Steinmeyer/ Öttingen um eine Lehrstelle. Nach bestandener Gesellenprüfung legte er 1921 seine Meisterprüfung mit "sehr gut und ausgezeichnet" ab.

Auch befasste er sich intensiv mit neuer Technik, baute selbst Dynamomaschinen, umfangreiche Schalttafeln, Influenz- und Elektrisiermaschinen und hatte verschiedene Patente. Während seiner Außendiensttätigkeit nutzte er die Möglichkeit, Museen und Ausstellungen zu besuchen. Er erledigte Arbeiten im In- und Ausland und führte Stimmungen an den großen Steinmeyer-Orgeln durch, z.B. auch vor großen Konzerten von Karl Straube. So erfuhr er auch von dem Verkauf der Firma Ratzmann in Gelnhausen und übernahm diese 1921.

Zunächst arbeitete er in den Räumen, die auch die Firma Ratzmann genutzt hatte, zog aber nach 1929 in die Werkstatträume seines Schwiegervaters, dem Mühlenbaumeister Haupt, am Obermarkt 4.

Richard Schmidt kaufte ein Haus und ein Baugrundstück, um eine große Werkstatt zu bauen. Letzteres aber wurde durch den Ausbruch des II.Weltkrieges verhindert. Durch die wirtschaftliche Situation während der Kriegsjahre beschränkten sich die Arbeiten meist auf Reparaturen oder Umbauten. Nur wenige Neubauten konnten erstellt werden. 1945 nahm er seinen Sohn Bernhard in die Lehre, der 1950 seine Firma übernahm. Richard Schmidt verstarb 1951.